Liebe. Das war mir immer das Wichtigste in meinem Leben, zu lieben, geliebt zu werden, den Menschen für den Rest des Lebens zu finden. Meine Definition von Glück. Mit einer verkitschten, verblendeten Hollywood-Liebesschnulzen-Ansicht, dass es einen aus den Socken hauen soll, man am Liebsten Musical-Songs rausschmettern möchte und alles aufregend ist und der Andere die eigene Welt zu einer besseren macht.
Die Teenager-Jahre liegen nun schon eine ganze Weile zurück und ja, auch ich bin ein bisschen schlauer geworden. Dass Liebe so nicht immer funktioniert, dass Happy Ends keine Garantie für zwei Liebende sind, man nicht um alles kämpfen kann und einem das, was sich so wunderbar richtig anfühlt, auch direkt wieder das Herz brechen kann. Dass zwei Seiten daran glauben müssen, füreinander geschaffen zu sein. Dass Seelenverwandschaft furchtbar subjektiv ist und auch diese nichts bringt, wenn der ganze Rest drumherum nicht stimmt. Dass Liebe nicht immer die große Aufregung und die rosarote Brille ist, sondern ein alltäglicher Umgang miteinander, eine Grundvertrautheit, den Kühlschrank voller Dinge zu haben, welche der andere mag. Das kleine schelmische Funkeln in den Augen des anderen zu finden. Die Zeit miteinander auch mit Nichtstun verbringen zu können und dabei trotzdem glücklich zu sein. Liebe muss nicht laut und bunt sein und alles hinwegfegen, sie kann sich auch leise heranschleichen und auf einmal einfach da sein. Ganz unspektakulär, aber trotzdem intim.So, dass jeder Versuch, sie zu beschreiben, nicht fruchtet, weil die Worte zu schnöde, öde und unfair dieser Liebe gegenüber klingen würden, egal, wie sehr man es probiert.
Gibt es da überhaupt ein "besser", "schöner", "richtiger" für solche Emotionen? Und ist es überhaupt fair, das gegenüber zu stellen, sich manchmal diese Sensation zurückzuwünschen, die man einmal erlebt hat? Dieses Gefühl, dass man selbst ein glücklicherer, zufriedenerer und vielleicht sogar besserer Mensch ist durch jemanden? Darf man diesen Anspruch überhaupt an einen anderen Menschen stellen? Sollte man das nicht mit sich selbst klären, statt zu hoffen, dass jemand anders das für einen erledigt, dieses Gefühl, mit sich selbst glücklich zu sein? Oder findet man sich mit der Langeweile des Alltags ab, wenn man dieses Prickeln nicht hin und wieder zurücksehnt? Wo ist die Grenze zwischen Sehnsucht und Glück?
Die Melancholie hat mich im vollen Zuge überfahren. So wie jede Person anders ist, ist auch jede Zuneigung, Freundschaft, Liebe anders. Ich war schon immer ein melancholischer Mensch, hab so manches Mal vielleicht sogar gedroht darin zu ertrinken und von daher nehme ich es immer mit einem Grummeln im Magen hin, wenn sie wieder da ist. Weil ich nie so ganz weiß, wo sie endet und wie weit sie mich auf ihrem Weg mitnimmt. Und was sie dabei aus mir macht. Auch heute versuche ich, sie auf eine Armlänge Abstand zu halten, damit sie nichts kaputt macht. Weil ich, so rein theoretisch, glücklich bin. Weil es wenig bis hin zu gar nichts bringt, sich Gefühlen hinzugeben, die man schon für verloren gehalten hat, auch, wenn es schön ist, so etwas doch noch fühlen zu können, obwohl man dachte, dass das nicht mehr ginge. Weil da irgendwo auf dem Weg was verloren gegangen ist, weil andere Menschen einen völlig auseinander genommen und auf das eigene Persönlichkeitsminimum reduziert haben. Was das Gefühl, nun, wo es wieder da ist, nur umso schöner und kostbarer macht. Und umso gefährlicher, weil weder loslassen noch festhalten nach gesunden Optionen klingen. Ich möchte es kurz umarmen, ihm wissend zunicken und dann zum Abschied winken, damit es sich nicht wie ein Geschwür in mich hinein gelangt und sich quer durch meine Seele frisst, um hässliche Narben neben den alten zu hinterlassen. Andererseits möchte ich es aber auch schützend in meine Hand nehmen und irgendwo ganz tief drinnen einschließen.
Fick dich ins Knie, Melancholie. Dafür, dass du es einem so schwer machst und dann auftauchst, wenn man dich gar nicht da haben möchte. Fick dich ins Knie, weil du mit Gedanken um dich wirfst, die irgendwo zwischen bittersüß und bitterböse liegen. Fick dich ins Knie, denn diesmal bin ich stärker. Oder versuche es zu sein.
"Wo immer ich auch bin - du bist bei mir. Stehst da, so selbstverilebt und arrogant und grinst mich an, voller Genugtuung streust du eine handvoll Zweifel in mein kleines Glück. Ach bitte nimm sie zurück, Melancholie, nimm sie zurück. [...] Ach fick dich ins Knie, Melancholie, du kriegst mich nie klein. Fick dich ins Knie, Melancholie, du kriegst mich nie klein."
