Witzig. Da ist er, der eine Ort, an dem du mich noch nicht blockiert oder aus deinen Freunden geschmissen hast. Vermutlich, weil es dir da gar nicht auffällt, auch wenn ich mich frage, warum du dort überhaupt noch online gehst. Freunde, mit denen du dort kommunizieren könntest, hast du doch wahrscheinlich eh nicht mehr, weil du alle weggeworfen hast. Tatsächlich amüsiert mich das ein kleines bisschen, dass du den einen Fleck übersehen hast, an dem ich dich online sehe. Mit dem Spitznamen, den ich dir gegeben habe, mit dem Icon, das ich dir gebastelt habe. Weißt du, ich denke immer noch an dich, so ein kleines bisschen. Frage mich, ob es dir besser geht und einerseits wüsste ich gerne Bescheid, andererseits möchte ich dich auch nie wieder sehen. Du hast mich angelogen, benutzt, weggeworfen und mit in den Abgrund gerissen. Trotzdem wollte und will ich immer noch nur, dass es dir gut geht, dass du endlich Glück im Leben findest. Von daher: Schön zu sehen, dass du noch lebst. Und das meine ich ernst. Ich werde dir das nicht schreiben, auch wenn die Versuchung kurz groß war. Ich fand es immer wichtig, dass du weißt, dass da jemand ist, dem du wichtig bist. Aber das ist nicht mehr mein Job, das hast du damals, vor einem Jahr, sehr klar gemacht. Und jetzt, nach einem Jahr, merke ich auch, wie es mir langsam besser geht.
Ich denke nicht mehr so oft an dich. Und wenn, dann tut es nicht mehr so weh. Du verblasst immer weiter, bist ein Echo in meinem Kopf und manchmal in meinem Herzen. Nur noch eine Erinnerung. Ein kurzer Gedanke, wenn ich an Orten mit komischen Namen vorbei fahre, zu denen ich dich immer schleppen wollte. Wenn ich ein Spiel oder Video sehe, von dem ich wüsste, dass es dir gefällt. Ein kurzer Panik-Gedanke, wenn ich etwas mit deinen alten Freunden unternehme, weil es ja sein könnte, dass du dort in irgendeiner Form immer noch präsent bist. Wenn ich eine Spielplatz-Schaukel aufsuche, bin ich nicht mehr ganz so tieftraurig. Selbst die Angst, dich zufällig irgendwo zu sehen, wenn ich durch deinen Wohnort fahre, ist nicht mehr so allumfassend. Ich denke immer noch hin und wieder an dich, an die Stunden, in denen ich gemeinsam mit dir wirklich glücklich war und dass ich dich als Freund vermisse. Ich habs immer gesagt und immer gemeint, als Freund wollte ich dich bei all dem nie verlieren. Und ich würde fast waghalsig behaupten, dass ich das mittlerweile auch sein könnte, so eine wirkliche, richtige Freundin ohne Hintergedanken, ohne Sehnsucht, ohne das traurige Was-wäre-wenn-Augenzwinkern. Die letzten eineinhalb Jahre waren schwer für mich, prägend, vermutlich wirklich Lebenskrisen, die nicht aufgehört haben. Und du mittendrin. Mittlerweile fühlt es sich fast wie ein schlechter Traum an, durch den ich dennoch nie wieder durch möchte. Ich bin stolz darauf, da wieder rausgekommen zu sein, wieder zu mir zu finden. Gut, ein kleines Puzzlestück Schwermütigkeit ist bei dir geblieben. Ich habe das Gefühl, auf mich hat sich ein Melancholie-Schleier gelegt, der (noch?) nicht ganz weg will. Der mich davon abhält, mich wieder 100%ig normal zu fühlen. Aber ich bin wieder albern, lebe, liebe, singe, lache. Und ganz, ganz selten, da lache ich ein bisschen für dich mit. Weil ich wüsste, dass dir ein Witz oder Spruch auch gefallen würde.
Es ist wohl alles besser so, wie es ist. Dass wir keine Freunde sind, ich glaube, das könnten wir nie sein. Du als Mensch fehlst mir dennoch. Aber immerhin nimmst du jeden Tag ein kleines bisschen weniger Platz in meinem Kopf ein und das erleichtert mich. Ich möchte nicht mein Leben lang daran festhalten und knabbern, was du mit mir angestellt hast. Dann würde ich nur verbittert werden und dieser Typ Mensch bin ich nicht. Stattdessen schenke ich dir lieber geistesabwesend hin und wieder ein kurzes, trauriges Lächeln, weil ich was gesehen, gesagt oder gehört habe, das uns mal ausgemacht hat. Vielleicht geht es dir ja auch so. Das würde mich zumindest freuen. Lieber so, als mich als verbotenes Kapitel im Leben zu verbuchen. Und vielleicht, ganz vielleicht, schmunzeln wir so auch einmal ganz unwissend gleichzeitig und machen uns das Leben für eine Mikrosekunde etwas schöner.
