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Mittwoch, 25. September 2013

Puzzle dich kaputt.

Wenn man lange genug darüber nachdenkt, was an einem selbst denn nun nicht stimmt, kommt man auch zu einem Ergebnis - so erging es zumindest mir und ich weiß nicht, ob ich darüber so glücklich sein soll. Aber wo fange ich denn jetzt nur an?
In Erinnerungen schwelgen ist ein schmaler Grat zwischen Selbstgeißelung, Melancholie und Herzerwärmen, weil man seine kleine Schatztruhe wieder aufgemacht hat. Während es mich letztens einerseits einfach nur todtraurig gemacht hat, weil so viel von den Erinnerungen eben einfach nur das ist - Erinnerung, nicht mehr existent - erging es mir in den letzten beiden Tagen nun anders, als ich alte Chatlogs durchgelesen habe. Ich habe gelesen und gelesen und erst mitten drin merkte ich, wie sehr mir die Mundwinkel vom Grinsen weh taten. Weil ich's nicht mehr gewohnt bin und gar nicht gemerkt habe, wie sehr es mich berührt und wieder zum alten Ich gemacht hat - und dann wieder ging, nachdem ich am nächsten Morgen wieder aufgewacht bin und am Abend wie immer zur selben Zeit am selben Ort saß und die zehn Minuten verstreichen ließ, in denen ich mich der Welt auf der Bank präsentiere.Und irgendwie ergab dort dann alles einen absolut vermurksten Sinn.
Mein größtes Problem ist wohl einfach meine Hingabe. Wenn mir etwas oder jemand was bedeutet, dann aus vollstem Herzen, aus den tiefsten Ecken meiner Seele und das mit so einer Intensität und Passion, das es wohl schon nicht mehr normal ist. Ich verliere mein Herz ganz an Menschen oder anderen Sachen; totale Hingabe ohne wenn und aber, ohne Einschränkungen, präsentiere mich auf dem Silbertablett und für alles zugänglich. Ich gebe mich quasi auf und in die Hand anderer, gebe ihnen einen Teil von mir. Und wenn sie gehen, dann nehmen sie ihn mit. So wurde mein Glaube an Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit genommen, als der damals mitunter wichtigste Mensch in meinem Leben sich als Lebenslügner herausstellte, der eine Farce par excellence abgezogen hat. Den Glauben an Vorbestimmtheit und daran, einen anderen Menschen besser zu kennen als sich selbst. Ich weiß nicht, ob es der erste Teil war, der genommen wurde, aber jedenfalls der erste, der groß genug war, um mir die Zerbrechlichkeit in jedem Sein, in jeder Beziehung und jedem Moment zu zeigen. Mit dem Verschwinden des Teils wurde auch ich zerbrechlich. Der Glaube daran, das dem, der Gutes tut und auch ist, Gutes widerfährt, hat sich aufgelöst. Und der Gegenpart in diesem Geflecht nahm auch etwas mit, einen weiteren Teil von mir. Hoffnung und die Gewissheit, dass Familie mehr als nur ein Wort oder das gleiche Blut in den Adern ist. Dass Worte darüber, wie wichtig man einander sei, nicht nur Worte sind. Beide nahmen sie ein Stück von mir mit und bei beiden erkenne ich mich und uns nun nicht mehr wieder, weil sie selbst dieses Stück weggeworfen haben und nicht mehr aufflammen kann, wenn wir uns wiedersehen. Weil mittlerweile nun noch genug andere Teile fehlen, denn mit jedem Abschied oder Ende habe ich auch etwas von mir verabschiedet.
Ich habe mich trotzdem wieder vollends hingegeben, Freundschaften etwa. Und in dem Moment, wo sich die andere Seite vollends abgewendet hat oder aber dich ersetzt, haben sie wieder ein Teilchen von mir mitgenommen, ein kleines Puzzle-Stück von mir. Zusammen mit dem Glauben, dass es Menschen gibt, die zu mir passen, auch über einen längeren Zeitraum, mit denen man alles teilen kann und die für einen da sind. Dass es diese Freundschaften aus Serien und Filmen auch in Realität gibt und dass nicht nur dir das alles wichtig ist, sondern auch den anderen. Dass sie deine Hingabe nicht übersehen, sondern schätzen. Nicht wieder einen Teil von dir einstecken werden und ihn mitnehmen, um ihn irgendwo verwesen zu lassen. Aber so war es nicht. Nur einer dieser Menschen hat diesen Teil behalten, irgendwo innen drin und bringt ihn auch wieder mit, wenn wir uns sehen. Und es tut so gut in der Seele, wenn man das spürt, auch wenn dieser Teil noch so weit weg sein mag. Aber es gibt noch mehr Puzzle-Teile von mir, die sich mit der Zeit weiter abgelöst haben. Mir fehlt noch immer das Gefühl, das ich beim Improvisieren oder in meiner Jazz-Combo allgemein hatte. Diese Losgelöstheit, Schwerelosigkeit und wie einfach sich alles von einem lösen konnte. Weil ich mich auch da völlig hingegeben habe, bei jedem Ton, jeder Melodielinie, jedem Solo, jedem Takt. Weil es das Gefühl war, das gespielt hat, nicht meine Finger. Und es hat dieses Puzzleteil so groß anwachsen lassen, dass es solange wie es bei mir war die anderen zumindest ersetzen konnte - bis ich es aufgeben musste. Bis ich es selbst im Musiksaal I liegen lassen musste, irgendwo zwischen dem Flügel und meinem persönlichen Barhocker. Für Viele mag es ausgesehen haben wie ein absolut nichtiges Teil, das das Gesamtbild des Puzzles nicht zerstört, doch ich weiß, wie relevant es war; es war der Eckpfeiler, das einfache Anfangsstück, das man immer zuordnen konnte und bei dem alles andere stehen und fallen konnte, es zumindest hatte immer seinen festen Punkt. 
Und doch habe ich geglaubt, gelernt zu haben. Mir Teile nicht mehr so einfach klauen zu lassen und mich nicht mehr so vollends auf- und hinzugeben. Bis jemand kam, der über kurz oder lang verstanden hat, dass ich tief drinnen doch immer so ein Mensch sein werde und es sich zu Nutzen gemacht hat. Gewusst hat, dass ich beinahe alles tun würde, wenn es sein müsste, um solche Menschen, die ich zu meinen neuen Eckpfeilern im Puzzle mache, glücklich zu machen. Denn wenn ich schon gelernt habe, dass guten Menschen nicht automatisch Gutes widerfährt, sollte doch zumindest ich dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Und ohne dass ich es merkte, hat er willkürlich Teile von mir abgerissen und durch die Luft gewirbelt, als wäre es ein Spiel. Weil er wusste, dass bei mir irgendwann aus jedem Nein ein Ja wird und wenn nicht, dann sorgt er schon dafür. Weil er wusste, wie er mich immer und immer wieder zum Punkt der Selbstaufgabe bekam und mit jeder Ablehnung, die er sich irgendwie zu dem zusammen schusterte, das er wollte, nahm er einen Teil mehr von mir. Bis es zu viele waren und ich gemerkt habe, wie kaputt er mich gemacht hat. Wie wenig von meinem eigenen Motiv noch zu erkennen war und wie egal es ihm war; und ich habe sie mir zurückgeholt, bin wieder ein Stück in das zurückgewachsen, was ich sein sollte, bis jemand kam, bei dem ich glaubte, er würde mich nicht so mutwillig zerstören wollen; bei dem ich ehrlich bin, geradeheraus und damit das beschütze, was von mir noch da ist - doch was brachte es? Nichts. Stattdessen nahm er sich den Teil von mir, der noch an Ehrlichkeit glaubt, an Aufrichtigkeit und daran, dass man vor anderen Menschen zumindest so viel Respekt hat, dass man sie nicht sofort absichtlich benutzt. Der Glaube daran, dass es noch gute Menschen gibt, die einen nicht kaputt machen oder verletzen und zu einem gehören könnten und wenn nicht, dann zumindest nicht einen Teil von dir mitnehmen, weil sie selbst wissen, dass sie damit nichts anfangen können. Doch er hat ihn mitgenommen und irgendwo ins Feld geschmissen, damit ich mich kaputter denn je fühle. Unvollständig, ohne die Teile, die Stabilität bringen würden. Ein Puzzle ohne wirkliches Motiv, farblos und alles, was du denkst, was du machen kannst, ist eine Mauer drum herum bauen. Mauern was das Zeug hält, höher, stabiler, damit nur jemand dorthin kommt, der sich dessen würdig erweist. Auf eine gewisse Art und Weise bist du noch immer ehrlich, wenn auch verbitterter, realistischer oder auch pessimistischer, weil die guten Teile irgendwo anders verstreut liegen. Und ohne dass du es merkst, kommt jemand und baut all diese Mauern ab, hat irgendwo die Teile gefunden und wieder angefangen, dich zusammen zu puzzlen. Stück für Stück. Du kannst gar nicht anders, als dich auch hier wieder mit einer Intensität hinzugeben, wie du sie selbst noch nicht kanntest. Weil er anstatt dir nur Teile zu nehmen einfach nur gut tut. Weil er selbst die Teile, die irgendwo anders verloren sind, mit Eigenanfertigungen ersetzen kann und dir dann auch das Gefühl gibt, wieder ganz zu sein. Trotz der vielen Jahre, in denen alles erfolgreich irgendwo verloren gegangen ist. Wie könnte man sich so einem Menschen verwehren? Dich ihm nicht wieder vollends hingeben und ihm mit offenen Händen dein ganzes Sein entgegen strecken, in der Hoffnung, dass er einen Teil von dir gut aufbewahren würde. Und es hängt mit all den Stücken zusammen, die er dir wiedergegeben hat. Warum verwundert es dann noch, dass, wenn er geht, er all diese Teile mitnimmt und in dir diese Leere zurückbleibt, die alles auffrisst und den Rest mit noch mehr Sinnlosigkeit einhüllt? 
Doch immerhin gibt es dabei auch eine gute Nachricht - er hat all die Stücke noch nicht weggeworfen. Ich spür sie noch in den seltenen Momenten, in denen man drei Sätze redet. Sie sind noch da, bringen mich beim Lesen der Chatlogs noch zum Grinsen anstatt zu unendlicher Traurigkeit - und vielleicht kommen sie wieder zurück, irgendwann. Denn die Distanz tut zwar weh, aber es ist noch anders wie mit all den anderen Stück-Wegwerfern; bei ihnen ist es Gewissheit, dass sie dein Puzzle, dich kaputt gemacht haben, irgendwo, wenn auch nur ein kleines Eckchen und du hast es zwar akzeptiert, aber nicht vergessen. Je nachdem wie viel sie von dir mitgenommen haben, tut es vielleicht sogar noch immer ein wenig weh, weil die Leute sich geändert haben, weil du dich durch das Gepuzzle verändert hast. Doch das hier ist noch anders. Ich weiß, dass ich mein Puzzle dort nicht beschützen muss. Ich weiß, dass es eigentlich in guten Händen ist, auch wenn diese momentan mit vielen anderen beschäftigt sind und dich dabei ausgrenzen - das ist, was weh tut. Was an die anderen Puzzle-Zerstörer erinnert. Aber noch weißt du, dass deine völlige Hingabe, selbst wenn sie umsonst war, zumindest nicht dazu geführt hat, dass all das in noch größere Stücke gerissen wird. Diesmal hoffentlich nicht.

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